Zwischen den Bäumen erschienen schließlich die Mauern des verlassenen Klosters San Judas. Wurzeln wuchsen in den Fugen, Farn stand in den Fensteröffnungen. Nyra drehte sich auf dem Sitz, um das Gebäude länger sehen zu können, während die Wagen daran vorbeifuhren.
Sie folgten einem schmaleren Weg nach Westen. Hier war der Boden steiniger. Die Reifen liefen durch flache Pfützen und über freigespülte Wurzeln. Stellenweise standen die Felsen so dicht an der Fahrspur, dass der Chauffeur nur im Schritttempo vorbeikam.
Nach fast zwei Meilen erreichten sie den Stolleneingang.
Die Wagen hielten auf einer nassen, steinigen Fläche. Nyra stieg aus und blickte zur Felswand. Zwischen dichtem Farn und freigelegtem Mauerwerk lag der niedrige Torbogen. Holzbalken stützten den Zugang. Dahinter versperrten Felsbrocken, Erde und Geröll den weiteren Weg.
Zwei Wachen gingen voraus und sahen sich im Bereich der Fundstelle um. Nyra blieb vor dem Eingang stehen.
„Warten Sie bitte hier, bis ich mir den vorderen Bereich angesehen habe.“
Sie stellte ihre Tasche ab, zog die Lederhandschuhe an und nahm die Atemschutzmaske heraus. Nachdem sie deren Sitz geprüft hatte, trat sie näher.
Hartmann zeigte ihr die Stelle mit dem Symbol. Nyra ging in die Hocke und betrachtete die Linien, ohne den Stein zu berühren. Dann holte sie ihre Tasche heran und legte sie so neben sich, dass sie beide Zeichen vergleichen konnte.
Die Übereinstimmung war deutlich. Der äußere Verlauf, die Unterbrechung und die Stellung der inneren Linien entsprachen der Ritzung im Leder. Nyra blieb lange davor sitzen. Ihre Mutter hatte das Zeichen gekannt. Warum, wusste sie noch immer nicht.
„Sie hatten recht“, sagte sie schließlich zu Hartmann.
Er trat neben sie. „Was bedeutet es?“
„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen.“
Sie sah wieder auf den Torbogen. Weitere Linien zogen sich über die Steinoberfläche. An einer Fuge hielt sie inne und deutete darauf.
„Hier setzt sich die Zeichnung auf dem nächsten Block fort.“
Hartmann beugte sich vor. „Die Linien passen genau zusammen.“
„Ja. Wir müssen dokumentieren, wie sie über die Fugen verlaufen. Daraus allein können wir noch nicht schließen, ob die Steine vor oder nach dem Einsetzen beschriftet wurden.“
Sie untersuchte die angrenzenden Flächen und richtete sich schließlich auf.
„Der Zusammenhang reicht über diesen einen Block hinaus. Beim Freilegen darf uns kein beschrifteter Stein verloren gehen.“
Hartmann blickte in den verschütteten Zugang. „Dann lassen wir jeden Fund einzeln erfassen.“
Nyra setzte die Atemschutzmaske wieder ab.
„Kein Sprengstoff. Keine schweren Schläge am Torbogen. Wenn wir Glück haben, wartet dahinter noch mehr von dieser Anlage.“
„Ich lasse das Freilegungsteam holen.“
Hartmann ging zu dem Funkgerät, das einer der Begleiter aus dem Wagen getragen hatte.
„Hartmann an Lager San Judas. Wir benötigen das Freilegungsteam am westlichen Eingang. Mit Sicherungsmaterial, Handwerkzeug und Ausrüstung zur Dokumentation. Keine Sprengausrüstung.“
„Verstanden. Team rückt aus.“
Hartmann legte den Hörer zurück. „Das Material liegt im Camp bereit. Wir warten noch auf die Mannschaft.“
Währenddessen begann Nyra, die sichtbaren Zeichen in ihrem Notizbuch festzuhalten. Immer wieder verglich sie ihre Zeichnung mit dem Stein. Das Symbol auf der Tasche ließ sich in die übrigen Linien einordnen, doch der verschüttete Bereich entzog ihr einen Teil der Darstellung.
Wenig später waren Motoren zu hören. Zwei Lastwagen kamen über den Zufahrtsweg und hielten beim Camp. Arbeiter und Grabungshelfer stiegen aus. Gemeinsam luden sie Werkzeug, Seile und Stützbalken ab.
Hartmann versammelte die Männer vor dem Eingang.
„Zuerst wird der Zugang gesichert. Danach räumen wir den Schutt abschnittsweise. Sobald Sie auf bearbeitete Steine oder Zeichen stoßen, unterbrechen Sie die Arbeit und holen Miss Solis-Chaudhary.“
Ein älterer Arbeiter sah sich den Felssturz an und besprach mit Hartmann, wo zusätzliche Abstützungen nötig waren. Nyra hielt Abstand, während die Männer den vorderen Bereich sicherten. Erst danach begann die Freilegung.
Stunden vergingen. Der Schutt wurde in Körben hinausgetragen, größere Brocken mit Seilen bewegt. Nyra prüfte die beiseitegelegten Steine und ergänzte ihre Aufzeichnungen. Wenn ein neuer Abschnitt sichtbar wurde, trat sie heran. So entstand allmählich ein vollständigeres Bild des Eingangs.
Schließlich lösten die Männer einen größeren Stein aus dem verbliebenen Geröll. Dahinter wurde ein dunkler Spalt sichtbar. Erde rieselte nach, und Hartmann ließ die Arbeit unterbrechen.
Erst nachdem die Abstützung erneut geprüft und die Öffnung vorsichtig erweitert worden war, konnten sie in den vorderen Stollenabschnitt sehen. Nyra nahm eine Sicherheitslampe zur Hand. Ihr Licht fiel auf ungewöhnlich glatte Wände.
Sie blieb vor dem Zugang. Die ruhige Flamme bewies nicht, dass die Luft im Stollen ungefährlich war.
„Ich sehe mir zunächst nur den Bereich unmittelbar hinter dem Eingang an“, sagte sie. „Weiter gehe ich heute nicht.“
Siegrid trat neben sie. „Ich bleibe hier und halte Verbindung mit Ihnen.“
Nyra nickte. „Lassen Sie bitte auch die Zufahrt und das Gelände um die Fundstelle sichern.“
Niemand soll während der Untersuchung in den Stollen kommen.“
Siegrid gab die Anweisung an den Wachführer weiter und blieb am Eingang. Nyra setzte ihre Atemschutzmaske auf, hob die Lampe und trat unter dem Torbogen hindurch.
Der Stollen weitete sich hinter dem freigelegten Zugang. Nyra blieb stehen und ließ das Licht über die Wände gleiten. Der Stein war makellos glatt, fast wie geschmolzenes Glas.
Sie suchte nach Meißelspuren, nach Ansatzstellen von Keilen und nach den Unebenheiten, die beim Herausbrechen des Gesteins entstanden wären. Doch die Oberfläche zeigte nichts davon.