Kapitel 1: Ein verschlüsselter Fund
Basel, November 2027.
Der Wecker riss Aurelia, 33 Jahre alt, unsanft aus einem tiefen Schlaf. Vor ihrem Fenster hingen schwere Novemberwolken, während der Regen leise auf das Dach trommelte. Es schien, als würde der Himmel ihre Stimmung spiegeln: ein weiterer Tag zwischen Aktenbergen, vergilbten Karten und brüchigen Pergamenten stand bevor. Doch Aurelia, Archivistin und Historikerin, hatte nichts dagegen. Für sie war ihre Arbeit im Basler Staatsarchiv weit mehr als nur ein Beruf. Es war eine Leidenschaft. Sie fühlte sich den verborgenen Geschichten der Vergangenheit zutiefst verbunden, und es erfüllte sie, diese Geheimnisse ans Licht zu bringen.
Nach einer schnellen Dusche und einem kräftigen Kaffee verließ Aurelia voller Tatendrang ihre Wohnung. Das Staatsarchiv lag nicht weit entfernt, und so lief sie wie immer durch die gepflasterten Gassen der Altstadt. Der Duft von frisch gebackenem Brot und süßem Gebäck lockte sie an die Theke einer kleinen Bäckerei, an der sie regelmäßig vorbeikam. Im Schaufenster standen bereits Schokoladenfiguren zwischen kleinen Tannenzweigen. Hinter der Theke band eine Mitarbeiterin rote Bänder um Gebäckschachteln. Noch war November, doch die Bäckerei bereitete sich längst auf Weihnachten vor.
„Ein Brötchen, bitte, zum Mitnehmen,“ sagte sie lächelnd zur Verkäuferin, die sie bereits kannte. Mit dem warmen Brötchen in der Hand setzte Aurelia ihren Weg fort, während die vertrauten Klänge der Stadt sie begleiteten: das Klackern ihrer Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, das leise Murmeln der Menschen und die ersten Kirchenglocken des Morgens.
Der Bissen in das Brötchen gab ihr nicht nur Energie, sondern auch ein Gefühl von Heimat. Basel, mit all seinen Geschichten und Ecken, war ein Ort, der sie immer wieder inspirierte. Vor einem Geschäft blieb sie kurz stehen, um zwei Männern mit einer Leiter Platz zu machen. Sie befestigten eine Lichterkette über der Tür. Aurelia zog den Mantel enger und ging weiter; im Regen glänzten die noch unbeleuchteten kleinen Lampen.
Mit jedem Schritt schien die Geschichte der Stadt spürbar: die hohen Fassaden der alten Häuser, die stillen Plätze, die Legenden, die in den Schatten verborgen lagen. Diese Atmosphäre war es, die Aurelia täglich aufs Neue inspirierte.
Im Archiv angekommen, erwartete sie ihre Chefin, Dr. Helene Keller, bereits mit einem ungewöhnlichen Auftrag. Die angesehene Historikerin hatte ein Händchen dafür, Aurelias Neugier zu wecken, und heute schien keine Ausnahme zu sein. Mit einem vielsagenden Blick legte Dr. Keller einen alten, unscheinbaren Umschlag auf Aurelias Tisch. „Das hier stammt aus den Kellerräumen“, erklärte sie. „Seit Monaten steht dort eine Kiste voller ungesichteter Dokumente. Niemand hat sich bislang damit beschäftigt. Aber dieser Fund könnte interessant sein. Ich denke, Sie sind genau die Richtige dafür.“
Aurelia zog sich sorgfältig weiße Schutzhandschuhe an, bevor sie den Umschlag überhaupt in die Hand nahm. Das Papier war brüchig, die Kanten ausgefranst, und die Tinte der verblassten Aufschrift deutete auf ein hohes Alter hin. Sie wusste, wie empfindlich solche historischen Dokumente sein konnten, und wollte sicherstellen, dass sie weder durch Feuchtigkeit noch durch Berührung beschädigt wurden.
Mit äußerster Sorgfalt öffnete sie den Umschlag, und ein leichtes Knistern erfüllte den stillen Raum. Ihr Atem stockte für einen Moment, als sie das vergilbte Pergament herauszog. Trotz der Spuren der Zeit war es überraschend gut erhalten, die altmodische Handschrift in dunkler Tinte wirkte fast wie ein Echo aus der Vergangenheit.
Bevor sie das Pergament weiter untersuchte, griff sie zu ihrem Smartphone und fotografierte es aus mehreren Winkeln. Ein solches Dokument musste nicht nur für ihre Nachforschungen dokumentiert, sondern auch für die Archivdatenbank erfasst werden. Erst danach legte sie es vorsichtig in eine transparente Schutzfolie, um es weiter zu sichern.
Ihre Augen wanderten erneut über die Worte, die mit akribischer Präzision geschrieben waren. Sie konnte den Hauch von Geschichte fast spüren, der von den Tintenlinien ausging.
In der Mitte des Pergaments stand in lateinischer Sprache:
„Hic quiescit cor Basileae.“
(„Hier ruht das Herz von Basel.“)
Darunter war ein Name oder eine Unterschrift erkennbar, doch die Buchstaben waren fast vollständig verblasst. Nur das große, markante „M“ blieb lesbar. Alles andere war dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen.
Aurelia runzelte die Stirn. Das Herz von Basel? Die Worte hatten etwas Feierliches und zugleich Rätselhaftes, doch sie konnte sie nicht einordnen. Und wer oder was verbarg sich hinter dem „M“? Eine Familie? Eine Person?
Das Dokument ließ sie nicht los. Es musste eine Verbindung zur Geschichte der Stadt geben, etwas, das so bedeutend war, dass es nach Jahrhunderten noch verborgen bleiben sollte.
Ein Anruf, der alles veränderte
Sie wählte die Nummer von Leon, einem Studienfreund, mit dem sie schon viel zu lange nicht mehr gesprochen hatte. Wie sie war auch Leon Historiker, doch zusätzlich ein Hobbydetektiv mit scharfem Verstand und einer besonderen Begeisterung für ungelöste Fälle. Damals, während ihres Studiums, waren sie für eine Weile sogar ein Paar gewesen. Es war eine spontane, intensive Zeit gewesen, doch irgendwie hatten sie sich aus den Augen verloren. Bis heute wusste Aurelia nicht genau, wie es dazu gekommen war, dass aus ihnen nichts Dauerhaftes geworden war.
„Aurelia! Das ist ja eine Überraschung. Wie lange ist das her?“ meldete sich Leon mit seiner gewohnt lebhaften Stimme.
„Zu lange,“ erwiderte Aurelia mit einem kleinen Lächeln, bevor sie ohne Umschweife zum Punkt kam. „Ich brauche deine Hilfe, Leon. Ich habe heute etwas gefunden, das mich nicht loslässt. Es ist ein altes Pergament mit einer Nachricht, die ich nicht entschlüsseln kann. Und ich glaube, du bist der Einzige, der die nötige Neugier und die Fähigkeiten hat, um mir zu helfen.“
Leons Stimme wurde sofort ernst. „Das klingt genau nach meinem Ding. Schick mir ein Foto, oder besser, lass uns treffen. Ich bin gerade in der Stadt.“
Aurelia war erleichtert. „Perfekt. Lass uns in unserem alten Lieblingscafé treffen. Weißt du noch? Gleich um die Ecke vom Münsterplatz.“
„Natürlich erinnere ich mich! Ich bin in 20 Minuten da.“
Sie legte auf, packte das Pergament und einige weitere Dokumente aus der Kiste, die sie gesichert hatte, und machte sich auf den Weg. Während sie durch die gepflasterten Straßen der Basler Altstadt ging, erinnerte sie sich daran, wie oft sie und Leon gemeinsam durch diese Gassen geschlendert waren. Damals hatten sie nicht nur von Abenteuern geträumt, sondern auch davon, die Welt gemeinsam zu entdecken. Doch wie so oft im Leben war aus Träumen Realität geworden, nur eben auf eine andere Weise, als sie es sich damals vorgestellt hatten. Heute schien es, als sei einer dieser Träume wieder zum Leben erwacht.
Auf dem Weg zum Café blieb Aurelia unter einem Hauseingang stehen, weil ihr das Telefon in der Tasche vibrierte. Helene Keller hatte ihr eine Nachricht geschickt. Sie solle am Nachmittag bitte die genaue Reihenfolge der mitgenommenen Stücke festhalten. In der Kiste gebe es lose Beilagen, deren ursprünglicher Zusammenhang sonst später kaum noch zu erkennen sei.
Aurelia antwortete, dass sie alles notiert habe. Dann prüfte sie die Mappe noch einmal. Neben dem Pergament lagen zwei schmale Blätter, die sie zunächst für bedeutungslose Beilagen gehalten hatte. Eines war eine ältere Abschrift, das andere enthielt Notizen zu einem Haus, dessen Bezeichnung nur teilweise lesbar war. Bei der ersten Durchsicht hatte sie sich so auf den lateinischen Satz konzentriert, dass ihr die übrigen Wörter kaum im Gedächtnis geblieben waren.
Jetzt fiel ihr eine Formulierung auf, die sie nicht mehr losließ: das Haus, wo die Pest begann.
Sie las den Satz nicht als gesicherte Ortsangabe. Zu oft hatten spätere Schreiber Ereignisse mit einer Entschiedenheit benannt, die ihre Quellen nicht hergaben. Dennoch gab die Beilage dem rätselhaften Pergament einen Zusammenhang, den sie zuvor nicht gehabt hatte. In der Zeile darüber stand wiederum das M., diesmal zusammen mit einer Bezeichnung für eine Familie.
Aurelia schloss die Mappe. Sie wollte diese beiden Stellen mit Leon besprechen, bevor sie eine Vermutung daraus machte. Für einen Augenblick war sie wieder die Studentin, die mit einer Frage durch die Stadt lief und wusste, dass am Ende des Weges jemand wartete, der sich darüber ebenso lange den Kopf zerbrechen würde wie sie.
Dann dachte sie daran, wie lange sie ihn nicht gesehen hatte.
Sie hatte am Telefon so selbstverständlich unser altes Lieblingscafé gesagt. Als habe zwischen damals und heute nur eine Woche gelegen. Vielleicht würde er ihr von einer Frau erzählen, mit der er inzwischen zusammenlebte. Vielleicht hatte er Kinder. Sie wusste erschreckend wenig über sein gegenwärtiges Leben und hatte ihn doch ohne Zögern um Hilfe gebeten.
Aurelia nahm das Telefon noch einmal heraus, legte es aber sofort wieder weg. Eine Nachricht kurz vor dem Treffen würde nichts einfacher machen. Sie konnte ihn fragen, wenn sie ihm gegenübersaß.
Vor dem Café sah sie ihr Spiegelbild in der Scheibe. Eine feuchte Haarsträhne klebte an ihrer Schläfe. Sie strich sie zurück, richtete die Tasche auf ihrer Schulter und öffnete die Tür.
Die ersten Entdeckungen
Im kleinen Café Three Ladies, das mit seinem Blick auf den Rhein immer einer ihrer Lieblingsorte gewesen war, saß Leon bereits und erwartete sie mit neugierigen Augen. Er war kaum gealtert, stellte Aurelia fest, als sie sich setzte und das Pergament vorsichtig vor ihm auf den Tisch legte.
„Die Handschrift ist faszinierend: klar und diszipliniert, aber eindeutig alt,“ murmelte er, während er das Pergament studierte. „‚Familie M.‘. Dieser Name ist mir bekannt. Es könnte eine Verbindung zur Pestzeit geben. Weißt du noch, wie wir damals über die Quarantänehäuser der Stadt diskutiert haben?“
Aurelia nickte. „Genau das dachte ich auch. Aber was hat diese Familie mit der Pest zu tun? Und warum die Erwähnung eines Hauses‚ wo die Pest begann‘?“
Leon zog sein Notizbuch hervor, eine alte Gewohnheit aus Studienzeiten. „Die Familie M. taucht in Chroniken des 14. Jahrhunderts auf. Sie waren eine einflussreiche Handelsfamilie, aber es gibt Gerüchte über ihre Rolle während der Pest. Manche Historiker vermuten, dass sie absichtlich bestimmte Stadtviertel isoliert haben, um ihre eigenen Interessen zu schützen oder um Rivalen loszuwerden.“
Aurelia runzelte die Stirn. „Das klingt schrecklich. Aber warum sollte diese Nachricht nach so vielen Jahrhunderten plötzlich wieder auftauchen?“
„Vielleicht,“ begann Leon nachdenklich, „weil jemand wusste, dass es irgendwann ans Licht kommen musste. Wir könnten die Chroniken im Staatsarchiv durchsehen. Es gibt vielleicht weitere Hinweise darauf, wo sich dieses Haus, wo die Pest begann‘ befindet.“
Aurelia lehnte sich zurück und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Der Rhein floss ruhig, aber seine dunklen Tiefen schienen die Geheimnisse der Vergangenheit zu bewahren.
„Wenn diese Familie tatsächlich für die Verbreitung der Pest verantwortlich war,“ sagte sie leise, „dann schulden wir der Geschichte, die Wahrheit zu finden.“
Leon nickte und lächelte. „Und wie früher tun wir das gemeinsam.“
Leon schloss die Mappe, als die Bedienung zu ihnen kam. Erst als sie wieder allein waren, zog er Aurelias Telefon mit der Aufnahme des Pergaments zu sich.
„Wenn wir damit recht haben, wird jemand fragen, weshalb gerade du den Umschlag bekommen hast.“
„Weil es meine Arbeit ist.“
„Das erklärt, weshalb Keller ihn dir gibt. Nicht, weshalb er in dieser Kiste lag.“
Aurelia betrachtete den Rand des Fotos. Sie hatte den Text gelesen, die Schrift verglichen, an das Mittelalter gedacht. Wer den Umschlag zuletzt in der Hand gehalten hatte, wusste sie nicht.
„Das finde ich heraus“, sagte sie.
Leon schob ihr das Telefon zurück. Dabei berührte sein Daumen ihre Hand. Sie ließ sie einen Augenblick liegen, ehe sie nach der Tasse griff.
„Wie geht es dir eigentlich?“ fragte sie.
Er blickte auf. „Abgesehen von plötzlich auftauchenden Pestdokumenten?“
„Abgesehen davon.“
Er erzählte von seiner Arbeit, von zeitlich begrenzten Aufträgen, von der Freiheit, die er daran mochte, und der Unsicherheit, die dazugehört hatte. Er war viel unterwegs gewesen und seit einiger Zeit wieder häufiger in Basel. Die Stadt habe ihm gefehlt, sagte er. Nicht nur die Gebäude. Die Wege, die er kannte, ohne darüber nachzudenken. Die Möglichkeit, auf der Straße jemandem zu begegnen, der ihn noch aus einer früheren Zeit kannte.
Aurelia hörte aufmerksamer zu, als sie beabsichtigt hatte.
„Und du?“ fragte er.
Sie erzählte vom Archiv, von Aufgaben, die niemand sah, wenn er nur die fertige Ausstellung besuchte. Von falsch zugeordneten Blättern, deren Korrektur einen ganzen Tag dauern konnte. Von Anfragen, die mit einer einfachen Frage begannen und in eine Familiengeschichte führten, die niemand erwartet hatte. Sie sprach lange, bis sie merkte, dass sie noch immer nur über ihre Arbeit redete.
Leon bemerkte es, drängte sie aber nicht.
„Ich wohne noch in der Dachgeschosswohnung“, sagte sie schließlich.
„Mit der schiefen Tür zur Küche?“
„Sie ist nicht schief. Der Boden ist schief.“
„Das hast du damals auch behauptet.“
Aurelia lachte und senkte den Blick auf ihre Tasse. Sie hatte nicht gewusst, dass er sich daran erinnerte.
Als sie die Rechnung bezahlten, bestand keiner darauf, die gesamte Einladung zu übernehmen. Sie teilten sie, wie sie es früher meistens getan hatten. Leon hielt ihr die Tür auf und wartete, bis sie den Regenschirm aufgespannt hatte. Der Regen war feiner geworden. Auf dem Pflaster lag ein dunkler Glanz.
Im Archiv gab Aurelia die mitgenommenen Stücke zurück und stellte Leon ihrer Vorgesetzten vor. Keller kannte seinen Namen aus Aurelias Studienzeit. Sie hörte sich an, was die beiden gefunden hatten, und holte das Zugangsverzeichnis.
Der Umschlag war unter einer Sammelbezeichnung eingetragen. Kein einzelner Absender, keine Beschreibung seines Inhalts. Nur ein älterer Verweis führte zu Unterlagen aus privater Verwahrung.
„Wir suchen den Übergabeschein“, sagte Aurelia.
„Ich lasse ihn heraussuchen. Sie beginnen mit den Chroniken.“ Keller sah auf Leons Notizbuch. „Und wenn Sie etwas finden, sagen Sie es zuerst mir.“
Aurelia wollte fragen, weshalb sie das so ausdrücklich sagte. Da nahm Keller bereits das Verzeichnis mit.
Nachforschungen im Stadtarchiv
Zurück an ihrem Arbeitsplatz im Stadtarchiv tauchten Aurelia und Leon tief in die Sammlung alter Chroniken und Ratsprotokolle ein. Für Aurelia war das Archiv mehr als nur ein Aufbewahrungsort für Akten. Es war ein lebendiger Schatz an Geschichten, der nur darauf wartete, geöffnet zu werden.
Nach Stunden akribischen Suchens stießen sie auf eine Spur: Eine Familie mit dem Namen „M.“ wurde mehrfach in Verbindung mit den Ereignissen der Pestzeit im 14. Jahrhundert erwähnt. Doch was die Dokumente enthüllten, ließ ihnen einen Schauer über den Rücken laufen.
Die Familie M. war nicht etwa ein Opfer der Seuche. Sie wurde verdächtigt, absichtlich zur Verbreitung der Krankheit beigetragen zu haben, um politische und wirtschaftliche Macht zu sichern. Hinweise in Ratsprotokollen deuteten darauf hin, dass bestimmte Stadtviertel gezielt isoliert wurden, während andere unter der Kontrolle der Familie blieben.
Doch je tiefer Aurelia und Leon in den Archiven gruben, desto klarer wurde ihnen, dass vieles von dem, was sie suchten, absichtlich gelöscht worden war. Es gab Lücken in den Chroniken, absurde Sprünge in den Ereignissen und Berichte, die abrupt endeten. Später fanden sie Belege dafür, dass belastende Stellen in den offiziellen Aufzeichnungen systematisch entfernt wurden, nicht nur in den Jahrhunderten nach der Pest, sondern sogar noch im 19. und 20. Jahrhundert. Es war, als hätte jemand alles daran gesetzt, die Wahrheit über die Machenschaften der Familie M. auszulöschen.
Die Pest, die im 14. Jahrhundert wütete, vor über 600 Jahren, war nur der Anfang. Bis heute hatte es die Familie M. geschafft, ihre Spuren so zu verwischen, dass niemand sie je zur Rechenschaft ziehen konnte. Gerüchte gab es viele, doch ohne Beweise war niemand in der Lage, ihnen etwas anzuhängen. Wer auch immer ihnen dabei half, hatte ganze Arbeit geleistet. Jeder Versuch, sie bloßzustellen, scheiterte, sei es durch verschwundene Dokumente, zerstörte Beweise oder mysteriöse Ungereimtheiten in den Archiven.
„Es ist unglaublich,“ murmelte Leon, während er durch die vergilbten Seiten eines Protokolls blätterte. „Nach all der Zeit sieht es immer noch so aus, als wäre die Familie M. über jeden Zweifel erhaben. Es gibt keine einzige klare Spur, die sie direkt belastet.“
Aurelia nickte, ihre Stirn in Falten gelegt. „Es ist, als hätten sie eine unsichtbare Hand, die immer wieder eingreift, wenn jemand zu nah an die Wahrheit herankommt. Aber wir wissen, dass hinter diesen Lücken eine Geschichte steckt, und ich bin sicher, dass wir sie finden werden.“
Leon lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Nachdenklich ließ er seinen Blick auf Aurelia ruhen, bevor er sagte: „Die Frage ist nur, wie viele weitere Spuren gelöscht werden könnten, wenn wir nicht schnell genug sind.“ Seine Stimme klang ruhig, fast zu ruhig, als ob er die Tragweite ihrer Entdeckung selbst noch verarbeiten musste.
Aurelia hielt inne. Ihre Gedanken schienen für einen Moment abzudriften, bevor sie leise antwortete: „Das Bild, das sie hinterlassen haben, ist nahezu perfekt.“ Ihre Stimme war ein Hauch bitter, durchzogen von Resignation. „Es sieht aus, als wäre die Familie M. über Jahrhunderte hinweg einfach nur eine ehrwürdige Basler Familie gewesen, die die Stadt geprägt hat. Aber wir wissen es besser.“
Sie griff nach einem der vergilbten Dokumente auf dem Tisch, hielt es einen Moment lang hoch, bevor sie es wieder ablegte. „Das Einzige, was wir wirklich haben, sind die Dokumente aus der Kiste. Und das Pergament …“ Ihre Stimme wurde leiser, fast ehrfürchtig. „Das Pergament mit der lateinischen Inschrift.“
„Hic quiescit cor Basileae.“ Hier ruht das Herz von Basel. Die Worte schienen in einem neuen Licht zu stehen. Könnte das „Herz“ ein Symbol für Verrat, Macht oder die unzähligen verlorenen Leben sein, die durch die Machenschaften der Familie M. ausgelöscht wurden? Das Rätsel war größer, als Aurelia und Leon zunächst gedacht hatten, und die Antwort schien noch verborgen, tief in der Geschichte der Stadt.
„Zum Glück haben wir das noch. Es ist unser einziger Hinweis. Ohne das wären wir völlig im Dunkeln.“
Aurelia hatte den Mantel bereits übergezogen, als Keller sie zurückrief. Auf ihrem Schreibtisch lag eine ausgedruckte E-Mail. Die Absenderzeile nannte eine private Verwaltung, darunter stand der Name Florian Renz.
„Das kam vor einer Stunde“, sagte Keller.
Aurelia las. Renz bat um Rückgabe sämtlicher noch nicht veröffentlichter Unterlagen aus dem betreffenden Zugang. Bei der Übergabe habe eine Verwechslung vorgelegen. Man bereite einen Verkauf vor und müsse den Bestand vorher ordnen.
„Woher weiß er, dass wir daran arbeiten?“
„Ich habe heute nach dem Übergabeschein fragen lassen. Bei der Stelle, die damals als Kontakt angegeben wurde.“
Leon trat näher. „Eine Antwort auf Ihre Rückfrage.“
„Eine andere Antwort, als ich erwartet habe.“ Keller legte ein zweites Blatt daneben. Es war der alte Zugangseintrag. Renz' Name kam darin nicht vor.
Aurelia las seine Nachricht noch einmal. Kein Wort über den lateinischen Satz, keines über die Pest. Er musste den Inhalt nicht kennen, um die Rückgabe zu verlangen. Trotzdem störte sie, dass die Verwaltung sich jahrelang nicht gemeldet hatte und jetzt vor Abschluss der Woche alles zurückhaben wollte.
„Wer ist sein Auftraggeber?“
Keller deutete auf die letzte Zeile. Konrad M.
Leon zog den Mantel wieder aus.
„Sie bleiben nicht die ganze Nacht“, sagte Keller. „Ich habe um den Nachweis gebeten, auf den sich die Forderung stützt. Bis der vorliegt und geprüft ist, geben wir nichts heraus.“
Aurelia setzte sich trotzdem. „Wenn die Zuordnung in seinem Verzeichnis falsch ist, nimmt er womöglich Unterlagen zurück, die ihm gar nicht gehören.“
„Deshalb brauche ich von Ihnen die Herkunft. Keine Vermutung über diesen Mann.“
Sie wartete, bis Keller gegangen war, und zog das Verzeichnis heran. Eine Randnotiz erklärte den Bestand für abgeglichen. Der Verweis auf die Vergleichsliste führte ins Leere. Aurelia hatte die Stelle bereits am Nachmittag gesehen, aber hinter anderen Fragen zurückgestellt.
„Wir müssen die alten Pläne durchsehen“, sagte sie. „Vielleicht können wir das Haus dann zuordnen.“
Leon setzte sich ihr gegenüber. „Morgen. Du hast seit zehn Minuten dieselbe Seite offen.“
„Ich kann nicht einfach nach Hause gehen und warten, bis jemand die Kiste abholt.“
„Das tut heute niemand. Keller hat es dir gesagt.“
Sie hörte selbst, wie scharf ihre Antwort ausfallen wollte, und schluckte sie herunter. Leon war erst seit wenigen Stunden wieder in ihrem Leben. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten, nicht um die Bereitschaft, seine eigenen Grenzen aufzugeben.
„Entschuldige“, sagte sie. „Ich habe das Gefühl, zu spät angefangen zu haben.“
Er schob ihr den Stift hin. „Dann schreib auf, womit wir morgen beginnen. Damit wir es auch tun.“
Sie notierte die Fundstelle und den fehlenden Verweis. Als sie das Buch schloss, bemerkte sie, dass draußen die Lichter angegangen waren.
Auf dem Heimweg nahm Leon ihr den Regenschirm ab. Der Wind hatte ihn zweimal umgeschlagen. Nun hielt er ihn gegen die Böen, während Aurelia neben ihm ging. An einer Kreuzung fragte er, ob sie etwas essen wollten.
Sie fanden ein kleines Lokal mit zwei freien Plätzen am Fenster. Erst redeten sie weiter über die Unterlagen, dann erzählte Leon von einer Familie, für die er drei Tage lang den falschen Vorfahren gesucht hatte. Ein vertauschter Buchstabe hatte genügt. Aurelia lachte, und das Lachen überraschte sie selbst.
„Es ist schön, dich wiederzusehen“, sagte sie.
Leon legte die Serviette neben seinen Teller. „Ich hatte gehofft, du sagst das irgendwann auch ohne ein Pergament vor dir.“
Sie sah ihn an. „Du hättest anrufen können.“
„Du auch.“
Es klang nicht vorwurfsvoll. Gerade deshalb konnte sie ihm zustimmen. Für die Jahre dazwischen fand sie an diesem Abend keine einfache Erklärung, und er verlangte keine.
Vor ihrer Haustür umarmten sie sich. Aurelia spürte den kalten Mantelstoff unter ihrer Hand. Als sie sich lösten, fragte sie nach dem nächsten Morgen.
„Neun Uhr“, sagte Leon. „Und vorher frühstückst du.“
Oben in ihrer Wohnung stellte sie die Tasche ab. Auf dem Telefon erschien eine Nachricht von Keller. Renz hatte geantwortet. Für den Eigentumsnachweis brauche er noch Zeit. An der verlangten Rückgabe bis Freitag halte er fest.
Aurelia stellte den Wecker eine halbe Stunde früher.